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Ein Hausmeister geht in Rente

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Kultur - Literatur


Ein Tag mit ganz merkwürdigen Eindrücken neigte sich dem Ende zu. Heute hatte in dem Unternehmen, für das Herr P. aus S. arbeitete, eine Betriebsversammlung statt gefunden.

Unter anderem stand auf der Tagesordnung: „Verabschiedung von Herrn  Krause". „Herr Krause? Kenn ich nicht. Wer ist das denn?", hatte sich Herr P. gefragt. Außerdem sollte den Mitarbeitern die neue Kollegin in der Führungsabteilung vorgestellt werden.

Herr P. hatte überhaupt keine Lust auf diese Versammlung, die erfahrungsgemäß immer äußerst langweilig verliefen. Gleichzeitig freute er sich aber auch, seinem öden Schreibtisch für ein paar Stunden der bezahlten Arbeitszeit nicht sehen zu müssen.

Als alle Kolleginnen und Kollegen im großen Saal versammelt waren, wurde zunächst die neue Mitarbeiterin in der oberen Etage vorgestellt. Frau Schmid, war Ihr Name. Ihre Erscheinung verwirrte Herrn P. ein wenig. Sie sah überhaupt nicht so aus, wie eine Führungskraft seiner Meinung nach auszusehen hat. Sie wirkte auf ihn völlig unscheinbar, wie eine kleine graue Maus. Ihre Kleidung war einfach und langweilig, überhaupt nicht elegant. Geschminkt war sie auch nicht, womit sie ihre weichen Gesichtszüge doch sicherlich ausdrucksstark hätte akzentuieren können, wie es Herr P. von Frauen in derartigen Positionen gewohnt war. Hätte man diese Frau als neue Mitarbeiterin in der Kantine vorgestellt, so wäre Herr P. weniger verwundert und irritiert gewesen.

Wie sich herausstellte, sollte es die erste öffentliche Amtshandlung dieser Frau sein, auf eben jener Betriebsversammlung Herrn Krause offiziell zu verabschieden. „Aha!", dachte Herr P. „Jetzt erfahre ich auch mal, wer dieser Krause ist."

Frau Schmid erzählte von einem Mann, der, aufgrund von Aussagen seiner Kollegen, Jahrzehnte lang mit großer Kompetenz und Einsatzbereitschaft seinen Aufgaben nachgegangen ist. Durch seine Arbeit wurden alle anderen Mitarbeiter des Unternehmens in die Lage versetzt, in einem effektiven und funktionierenden Umfeld ihre Aufgaben reibungslos wahrnehmen zu können.

Diese Ausführungen wurden für Herrn P. immer dubioser. Er konnte sich nicht vorstellen, in welcher Abteilung dieser Herr Krause gearbeitet haben sollte. Dann kam endlich des Rätsels Lösung: „Somit verabschieden wir heute Herrn Krause. Er ist ein Hausmeister mit Leib und Seele," sagte Frau Schmid.

Hausmeister mit Leib und Seele? Große Kompetenz und Einsatzbereitschaft? Gewährleistet ein effektives und funktionierendes Arbeitsumfeld? Herr P. brauchte einen Moment, um die verschiedenen Informationen in einen zusammenhängenden Kontext zu bringen.

„Wow!", bemerkte er dann bewundernd. „Die Frau hat ja Recht!". In Gedanken versuchte er sich vorzustellen, wie das Unternehmen heute wohl da stehen würde, wenn Herr Krause seine Arbeit nicht gemacht hätte.

Als er sich später wieder in seinem Büro befand, bemerkte er, dass die Heizung lief. Das Licht brannte. Zum ersten mal bemerkte er bewusst den ordentlich verlegten Kabelkanal an der Fußleiste und erinnerte sich an den Kabelsalat bei ihm zu Hause hinter seinem Schreibtisch, auf dem sein Computer stand. Er schaute sich aufmerksam die Jalousie an, die er sehr oft betätigte, weil sich der Raum auf der Südseite des Gebäudes befand.

Für Herrn P. war es immer eine Selbstverständlichkeit gewesen, dass diese Dinge gewährleistet sind. Nie hatte er an einen Menschen gedacht, der hinter den Kulissen dies alles bewerkstelligte. Klar - Herr Krause hat in den Büros immer nur dann gearbeitet, wenn Herr P. schon Feierabend hatte oder im Urlaub war. Er war ihm nie persönlich begegnet.

Plötzlich dachte Herr P. an eine Vielzahl von Menschen, die ihre Arbeit machten, von der er selbst profitierte, sie aber nie zu Gesicht bekam. Die Leute von der Müllabfuhr, die Briefträger, die Straßenkehrer, die Leute von den Putzkolonnen, und viele mehr.

Ohne sie je gesehen zu haben empfand Herr P. nun eine große Dankbarkeit für diese Menschen die Arbeiten verrichteten, für die er sich selbst nicht hergeben wollte.

 

PS. Auf seinem Heimweg kam Herrn P. die unscheinbare Frau Schmid in ihrer neuen Führungsposition wieder in den Sinn. „Klasse Frau!", dachte er.

Autor: Lydia Therhaag
aktualisiert am 04.Mär.09 um 18:42 Uhr