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Das Buch der Erinnerungen

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Kultur - Literatur


Völlig erschöpft ließ sich Herr P. aus S. auf dem bequemen Sessel in seinem Arbeitszimmer fallen. Es war das Ende eines arbeitsreichen Tages. Viele Probleme waren aufgetaucht, sowohl privater  als auch beruflicher Natur. Aber vor allem die erneute Auseinandersetzung mit seiner Frau, die soeben in der Küche stattgefunden hatte, beeinträchtigten seine Stimmung sehr.

Der Alltag hatte nun schon seit Jahren in ihre Beziehung Einzug gehalten und mit ihm eine Gefühlskälte die immer unerträglicher wurde. Im besten Fall lebten beide monoton nebeneinander her ohne viel miteinander zu reden. Im schlimmsten Fall, und das passierte sehr oft,  stritten sie sich lauthals.  Nun standen beide kurz vor der Trennung. Der Streit vorhin in der Küche hatte erstmals mit der beidseitigen Erklärung geendet, dass die Ehe geschieden werden soll.

Was war bloß geschehen? Was war mit der großen Liebe geschehen, die sie sich damals geschworen hatten und die bis in alle Ewigkeit währen sollte?  Jetzt, da das Thema „Scheidung“ so greifbar nahe war, wusste Herr P. mit aller Deutlichkeit, dass er seine Frau nicht verlieren wollte. Er liebte sie immer noch!  Herr P. stützte seine Ellenbogen auf den  Schreibtisch und vergrub seinen Kopf in seinen Händen.  Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Alles drehte sich nur noch.

Verkrampft suchte  er nach Möglichkeiten seine Ehe zu retten. Schließlich war er ein hoch gebildeter und aufgeschlossener Mann, dem es jederzeit möglich war, Lösungen für Probleme aller Art zu finden.  All die Bücher hatte er gelesen.  Die großen Philosophen, Anthropologen, Naturwissenschaftler, Psychologen, Dichter und Denker reihten sich fein säuberlich in seinen zahlreichen Bücherregalen, auf die er nun einen Blick warf. „So viele Bücher – alle habe ich gelesen – und doch sitze ich nun hier und weiß nicht mehr ein noch aus“, dachte Herr P.

Da fiel sein Blick auf einen Buchrücken, der offensichtlich zu einem Buch gehören musste, das sich hierhin verirrt hatte.  Der Buchrücken wirkte hell und freundlich. Dicke rote Blüten von Mohnblumen waren darauf zu erkennen. Herr P. ging zum Regal und zog das Buch heraus.  „Ach ja, das ist ja mein altes Fotoalbum“, dachte er. Nein, dieses Buch gehörte nun wirklich nicht in dieses Bücherregal. Es gehörte in den Wohnzimmerschrank, irgendwo zwischen der Weihnachts- und Osterdekoration, die seine Frau dort im obersten  Klapp-Fach verstaut hatte  und wo man nur mit Trittleiter hingelangen  konnte  weil es so hoch war.

Herr P. ging mit dem Fotoalbum zum Schreibtisch,  ließ sich dort nieder und begann zu blättern. Auf den ersten Seiten fand er Bilder von sich, auf denen er noch ein kleiner, unbeschwerter Junge war.  „Ja, das waren noch Zeiten“, dachte er. Damals wusste er noch nicht, wie die Welt funktioniert. Er hatte noch nichts gewusst von Urknall-Theorie, Evolutionsgeschichte und sonstigen Wissenschaften, geschweige denn von Adam und Eva.  So konnte er unbeschwert den Tag genießen und nur so war es ihm möglich, dieses Lächeln in seinem Gesicht zu erzeugen, dass frei war von jedem Konzept und jeder Strategie. Er lächelte, weil das Leben ihm Freude machte und nicht, um jemanden mit meinem Charme beeindrucken zu wollen. Es war eine Lebensfreude, wie sie nur ein unschuldiges Kind empfinden kann.

„Unschuldiges Kind?“ Herr P. stolperte über seine eigenen Gedanken. „Heute bin ich aber doch immer noch unschuldig. Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen – niemals!“ Dennoch musste es aber doch etwas gegeben haben, dass sich grundlegend in der Zeit des Erwachsenwerdens verändert hatte.  Der Blick des Herrn P. fiel wieder auf das Bücherregal. „Diese Bücher hatte ich alle noch nicht gelesen“, dachte Herr P. Nun versuchte er sich vorzustellen, er könne all sein Wissen für einen Moment vergessen, denn er wollte sich noch einmal so fühlen wie damals als kleiner Junge, der noch dieses natürliche, ehrliche  Lächeln zustande bringen konnte. Es funktionierte tatsächlich!  Herr P. erinnerte sich an die Zeit, als er noch keine Theorien kannte. Seine ganze Erfahrungswelt beschränkte sich auf sein eigenes, unmittelbares Erleben.

Herr P. erinnerte sich an das Steh-Auf-Männchen, das ihn als Kind so sehr ins  Staunen versetzt hatte.  Immer wieder hatte er es umgeworfen und jedes Mal stand es wieder auf, als wäre es auf seine Weise lebendig. Es war wie ein Zauber gewesen, den das Männchen umgeben hatte. Das Kind hatte in diesem Zauber eine magische Kraft verspürt die in den Dingen wohnte und sie belebte.  Doch dann kam Onkel Karl. Er kniete sich vor das spielende Kind,  nahm das Männchen  und sagte: „So, jetzt werde ich Dir mal zeigen wie sich das mit dem Zauber in Wirklichkeit verhält“.

Scheinbar gefühllos drehte Onkel Karl das Männchen an seinem Schraubgewinde in der Mitte seines Bauches auf, entfernte die  darin liegende Gewicht-Kugel und schraubte die beiden Teile wieder zusammen.  „Versuch´s jetzt mal!“, forderte er den kleinen Jungen auf. Der Junge schubste wie gewohnt das Männchen um. Aber…..es stand nicht mehr auf. Wie auch, da ihm die Kugel entfernt wurde.  Onkel Karl erklärte dem Jungen die physikalische Wirkung, die dem Zauber zugrunde lag, klopfte ihm auf die Schulter und ging davon. Entzaubert war jetzt nicht nur das Steh-Auf-Männchen, sondern vor allem der kleine Junge.  „Keine Magie!, nichts mehr zum Staunen!“. Der Junge war sehr traurig. Es fühlte sich für ihn so an wie ein Hineinwachsen in eine Welt, die er sich so nicht gewünscht hätte. Aber er musste der nüchternen Realität ins Auge schauen und erwachsen werden.

Herr P. weinte, als er  nun diese Erinnerung in sich wach rief. Er fühlte in sich den starken Wunsch, über den Zauber wieder staunen zu können. Dieser Wunsch fühlte sich gut an. Er gab seinem Herz viel Kraft und Energie, die durch seinen ganzen Körper hindurch strömte bis hin in seinem Kopf, wo er eine Mischung aus Druck und Kribbeln verursachte. Dann stand Herr P. plötzlich und unvermittelt auf, ging in die Küche zu seiner Frau, umarmte sie stürmisch ohne Vorwarnung und küsste sie leidenschaftlich. Seine Frau war zunächst sehr überrascht, ließ sich dann  aber doch von Herrn P.´s Leidenschaft forttragen in eine Welt der Gefühle, in der so manches möglich ist, was im Erwachsenen-Alter in Vergesseinheit geraten ist.

PS: Als Herr P. später am Abend in den Spiegel sah erkannte er darin ein Lächeln, das mit  freundlicher Gesinnung und authentischer Natürlichkeit an das Lächeln des kleinen Jungen auf dem Foto erinnerte.

Autor: Lydia Therhaag